Es kann wissenschaftlich noch immer nicht belegt werden, dass der Mensch eine Seele hat. Es konnte aber auch nicht bewiesen werden, dass er keine hat.
Die meisten Menschen verstehen unter Seele den Teil eines Menschen, der seine Persönlichkeit ausmacht. Der Teil, der ihn zu einem mitfühlenden und warmherzigen Menschen macht. Oder zu einem kaltblütigen Monster. Den meisten Religionen gemein ist der Glaube, dass die Seele nach dem Tod weiterlebt. Bei einigen Religionen gelangt sie nach dem Tod ins Paradies oder in die Hölle, je nach vorangegangenem Lebensstil. In anderen Religionen besteht der Glaube daran, dass die Seele nach dem Tod in einem anderen Körper wiedergeboren wird.
Obwohl bislang noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte, dass der Mensch eine Seele hat, glauben doch die meisten Menschen daran. Umstritten aber ist, ob auch andere Geschöpfe - Pflanzen und Tiere - eine Seele haben. Tierschützer und Tierfreunde sind schnell bereit zu glauben, dass ihr Liebling eine Seele hat. Skeptiker glauben, dass allenfalls der Mensch eine Seele hat und Tiere mit Sicherheit nicht in den Himmel kommen.
Die Meinungen hierzu sind kontrovers und da man bislang keinen Standpunkt wirklich belegen kann, bleibt alles im Reich der Spekulation. Ebenso hartnäckig hält sich die Behauptung, dass Tiere zu Gefühlen wie Liebe oder Freundschaft nicht fähig seien. Alles sei instinktgesteuert und diene letztendlich nur einem Ziel: der Arterhaltung und dem Verbreiten der eigenen Erbanlagen. Zu komplexem Denken, wie man es von Menschen kenne, sei das Tier nicht imstande.
Ich bin kein Wissenschaftler und kann weder beweisen dass Tiere komplex Denken können und Mitgefühl zeigen können noch habe ich Beweise für das Gegenteil. Aber ich habe eine sehr interessante Beobachtung gemacht und diese Beobachtung stärkt doch meine Meinung, was dieses Thema angeht: Ich beherberge einige Wellensittiche in meinem Zuhause. Alle meine Wellies sind zahm und sind sehr aufgeweckte und lustige Tiere. Aber ich hatte ein Pärchen, dass sich besonders zugetan war. Piet und Lucy. Meine sanfte Lucy hatte sich in den schönen und lauten Piet verliebt und umgekehrt. Piety verteidigte Lucy mit sanfter Gewalt vor den Balzannäherungen anderer Männchen. Lucy ihrerseits beachtete die anderen Wellies gar nicht. Sie ist ein sehr sanftes Geschöpf und geht allen Streitigkeiten aus dem Weg. Eines Tages bekam Piet eine allergische Reaktion auf eine Injektion beim Tierarzt. Wir hatten wenig Hoffnung und dachten Piet stirbt. Meine mutige Lucy setzte sich neben ihn auf den Boden und wachte über ihn. Andere Wellensittiche wurden heftig beißend vertrieben. Als es ihm ein wenig besser zu gehen schien, kraulte sie vorsichtig sein Köpfchen. Piet rappelte sich hoch und folgte ihr wieder auf eine der Sitzstangen. Nach zwei Stunden begann er, noch ganz schwach, vorsichtig zu fressen. Die ganze Zeit über ließ sie ihn nicht aus den Augen und war immer in seiner Nähe.
Zwei Jahre später wurde Piet dann unheilbar krank. Wir hatten beschlossen, ihn so lange leben zu lassen, wie er fraß und den Eindruck machte, keine Schmerzen zu haben. In den letzten Tagen vor seinem Tod schlief und frass er sehr viel. Wie immer war Lucy an seiner Seite. Dicht an sie gekuschelt saß er da, dick aufgeplustert. In all diesen Tagen war Lucy nie ungehalten oder zickig. Sie hackte nie nach ihm, sondern wachte über ihn wie eine Mutter über ihr Küken. Dabei kraulte sie immer wieder sanft sein Köpfchen. Zu den anderen konnte ich Piet bereits nicht mehr setzen, diese hackten nach ihm, attackierten ihn. Nur Lucy blieb, mit stoischer Ruhe und sanftem Gleichmut, an seiner Seite. Als Piet starb magerte meine moppelige Lucy stark ab. Obwohl andere Männchen sofort um sie warben, lehnte sie alle Zuneigungsbekundungen ab und blieb alleine. Mit den Wochen fing Lucy wieder an, normal zu essen. Aber sie nahm sich kein neues Männchen.
So stellt sich mir natürlich die Frage, wenn alles Verhalten nur der Arterhaltung dient, warum hat Lucy sich auch dann noch rührend um Piet gekümmert, als Piet nach Vogelmaßstäben bereits nur noch eine Belastung für Lucy war? Warum fraß Sie nichts? Warum ist sie alleine geblieben?
Für Skeptiker ist dies natürlich kein Beweis und für Wissenschaftler schon gar nicht. Aber so kennt wohl jeder von uns eine Tiergeschichte, wo Tiere ein völlig untypisches Verhalten an den Tag gelegt haben, dass die Vermutung aufkommen lässt, dass Tiere eben doch zu tiefen Gefühlen und Mitgefühl fähig sind. Wenn der Mensch sich weiterentwickelt hat, warum sollen sich nicht auch andere Geschöpfe weiterentwickeln?
Ich kann jedenfalls sagen, dass ich Tieren diese Fähigkeit auf keinen Fall abspreche. Wenn ich mir die Gräueltaten vieler Menschen ansehe, die ja angeblich zu Liebe und Mitgefühl fähig sind, kommen mir allerdings Zweifel, wie weit der Mensch in seiner Entwicklung wirklich ist.