Fremdschämen
Manchmal, wenn ich mir anschaue, was Menschen so alles machen, sobald eine TV-Kamera auf sie gerichtet ist, überkommt mich ein Gefühl des Fremdschämens. Häufig frage ich mich, ob diese Menschen keine Familie oder Freunde haben, die ihnen ein ehrliches Feedback geben. Und die ihnen davon abraten, dies oder das vor laufenden Kameras zu tun. Natürlich gibt es auch ungeschliffene Diamanten zu sehen und wirkliche Talente. Aber immer wieder bewerben sich auch Menschen, die man wohlwollend nur als “talentfrei” beschreiben kann. Ob Gesangscastings, Talentwettbewerbe oder ähnliches: Niemand sagt ihnen, dass das, was sie da tun, nur peinlich ist. Häufig wünschen sich diese Menschen nichts als ein wenig Aufmerksamkeit und Beachtung - Dinge, die sie im normalen Leben nie oder selten bekommen. Einmal im Rampenlicht stehen, einmal sollen alle Augen nur auf sie gerichtet sein! Schließlich sind alle Augen nur auf sie gerichtet, aber vermutlich anders, als sie sich das dachten. Nicht Anerkennung und Wohlwollen ist in den Augen der Zuschauer zu lesen, sondern Häme und Spott.
Oft frage ich mich dann, ob dieser kurze Augenblick des “Ruhmes”, wenn man ihn denn so nennen kann, es wert ist, künftig auf der Straße als die Person wiedererkannt zu werden, die sich vor den Augen der Nation zum Deppen gemacht hat. Und manchmal frage ich mich auch, ob die Menschen im Vorfeld überhaupt absehen können, auf was sie sich da einlassen? Ob sie sich der Konsequenzen und der Tragweite bewusst sind? Ich weiß es nicht. Manchmal möchte ich aufspringen, zum Hörer greifen und die Menschen eigenhändig von der Bühne holen, bevor sie sich noch mehr blamieren. Ich empfinde weder Spott noch Häme: Mir tun diese Menschen leid. Sie sehen sich selbst als unentdecktes Talent und glauben, durch ihren Auftritt zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Und immerhin gab es in der Vergangenheit auch immer wieder Menschen, die dies geschafft haben. Vom Hartz IV Empfänger zum gefeierten Star - wie gerne würden sie dies auch schaffen. Und darum fahren sie voller Hoffnungen und Erwartungen zu Castings und Talentwettbewerben. Und stehen tatsächlich im Fokus der Aufmerksamkeit und im Rampenlicht. Aber leider anders, als gedacht.
Autor: Snowwhisper








