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Stressbewältigung durch Achtsamkeit, Kapitel 2

2 Achtsamkeit – Damals und Heute. Herkunft und heutige Anwendung in der Psychologie.

 

2.1 Achtsamkeit und ihr Ursprung in der Lehre des Buddhismus

Die Ausübung von Achtsamkeitsmeditation basiert auf dem klassischen Buddhismus, wie er seit Siddharta Gautama (ca. 563 v. Chr.) in Indien gelehrt wird. „Rechte Achtsamkeit“ ist eine der acht Weisheiten, welche im edlen achtfachen Pfad zur Leidaufhebung führen und den Übergang in das Nirvana ermöglichen sollen. Buchheld & Walach (2001) beschreiben, dass „Rechte Achtsamkeit“ insbesondere die Verbindung von Achtsamkeit mit einer heilsamen, altruistischen Motivation ausdrückt. „Rechte Achtsamkeit beinhaltet das Gebot die Umwelt bewusst zu erleben“ (Schiffbauer, 2005). Damit ist gemeint, dass man sich eines jeden Augenblickes bewusst ist und damit Gedanken über Vergangenheit und Zukunft loslässt. Erst dann kann jeder Augenblick gelebt werden, wie er ist. Alter Groll kann losgelassen werden und die gegenwärtige Erfahrung kann beobachtet werden, ohne bewertend Stellung zu nehmen. Grün (2001) beschreibt in „Das kleine Buch vom wahren Glück“ eine kurze Geschichte über einen Zen-Mönch, der einmal gefragt wurde, was er denn für eine Meditationspraxis hätte. Der Mönch antwortete: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich stehe, dann stehe ich, und wenn ich gehe, dann gehe ich. Da meinte der Fragende: „Aber das ist doch nichts Besonderes, das tun wir doch alle“. „Nein“, sagte der Mönch, „wenn du sitzt, dann stehst du schon. Und wenn du stehst, dann bist du schon auf dem Weg.“ Diese Geschichte beschreibt das Bewusstsein des Augenblicks und soll zeigen, dass Achtsamkeit im Alltag immerwährend angewandt werden kann. Achtsamkeit wird nicht nur als Sitzmeditation verwendet. Die JapanerInnen wenden Achtsamkeit in Form von Zen-Gewahrsein z. B. für die Zubereitung von Tee an oder für die Pflege von Bonsai Bäumen. Dies sind Jahrhunderte alte Rituale, die sich als Form der Besinnung fest in den Tagesablauf integriert haben. Rechte Achtsamkeit entstammt dem Teil der buddhistischen Lehre, der konkrete Ratschläge gibt, wie man sich verhalten soll. Es wird als eine Art Geistestraining angesehen, denn „ [… ] für einen Buddhisten fängt das Tun nicht erst mit der Tat an, die Vorbereitungen für eine Tat finden immer im Denken statt, ob bewusst oder unbewusst“ (Schiffbauer, 2005). In den buddhistischen Schriften stellt Achtsamkeit eine Übersetzung des Pali-Wortes „Sati“ dar. „Sati“ hat außerdem die Bedeutung „Besinnung“, „Gedächtnis“ und „Erinnerung“ (Buchheld & Walach, 2001). Achtsamkeit ist demzufolge auch ein Sicherinnern an das, was gerade im Moment stattfindet (Gruber, 1997). Parallelen von rechter Achtsamkeit im Buddhismus gibt es laut Fink (2004) zu westlichen Traditionen in denen Achtsamkeit mit Andachtsübungen in Verbindung gebracht wird, in denen das Göttliche ein ständiger Gefährte in uns ist. Die Achtsamkeit betrachtet Erfahrungen als Phänomene, ohne sich in ihnen zu verlieren (Scholz, 1992). Ein besonderes Kennzeichen der Achtsamkeit ist, dass die aufkommenden Gedanken und Empfindungen nicht bewertet werden. In den USA stellt die Vipassana-Meditation mittlerweile die populärste buddhistische Praxis dar (Gruber 1999). Mehr Informationen zum Buddhismus können nachgelesen werden in „Der Buddhismus. Entstehung, Verbreitung, Praktische Lebensweisen.“ (Schiffbauer, 2005).

2.2 Achtsamkeit in der heutigen Psychologie

Das Konzept Achtsamkeit erfreut sich in der Psychologie auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit. Im Juli 2005 fand z. B. in Mannheim ein Symposium zum Thema Therapien auf der Basis von Achtsamkeit statt, zu dem sich mehr als eintausend Therapeuten und Wissenschaftler eingefunden hatten (vgl. Kabat-Zinn, 2007). Die mit der Achtsamkeit verfolgten psychologischen und psychotherapeutischen Ziele können als (psychische) Gesundheit, Lebensqualität und Lebenszufriedenheit beschrieben werden (Buchheld & Walach, 2001). Nach Goleman (1996) bildet Achtsamkeit die grundlegende emotionale Kompetenz auf der die Selbstkontrolle aufbaut. Buchheld und Walach (2001) beschreiben, dass mit gewachsener Achtsamkeit bzw. Ich-Stärke die Fähigkeit vergrößert werden kann mit inneren Konflikten umzugehen. Epstein (1996) nimmt an, dass Achtsamkeitsmeditation die Form von Ich-Stärke verleihen kann, die für eine erfolgreiche Psychotherapie notwendig ist. Parallelen dieser Ich-Stärke sind auch in der Selbstwirksamkeitstheorie (engl. Self-Efficacy) von Bandura (1977) zu finden. Mit Selbstwirksamkeit ist die Meinung einer Person gemeint, ob sie sich selbst als fähig genug ansieht, eine bestimmte Aufgabe erfolgreich erledigen zu können. Diese Meinung über sich selbst entsteht oft automatisch durch Erfahrungen aus der Vergangenheit. Achtsamkeit kann dafür sorgen, dass ein kurzer Moment entsteht zwischen der Wahrnehmung der Situation und der darauffolgenden Reaktion. Somit wird der Prozess der Meinungsbildung bewusst und die Entstehung der eigenen Selbstwirksamkeit kann analysiert und bewusst beeinflusst werden. Achtsamkeitsübungen geben uns die Möglichkeit uns bewusst zu machen, was gerade im Augenblick geschieht und eröffnen uns einen Handlungsspielraum, den wir bei automatischen und unbewussten Handlungen nicht haben.

Scholz (1992) weist im Zusammenhang mit Drogensucht auf die Selbstrealisierung der gedanklichen Abläufe und der kognitiven Prozesse während der Achtsamkeitsmeditation hin. Buchheld und Walach (2001) erwähnen psychotherapeutische Verfahren, die deutliche Parallelen zur Achtsamkeitspraxis aufweisen. Dies sind Verfahren und Konzepte wie die „gleich schwebende Aufmerksamkeit“ (vgl. Epstein 1996), die „awareness“ in der Gestalttherapie (vgl. Gremmler-Fuhr 1999), der „felt sense“ aus dem Focusing (vgl. Gendlin 1998), die Prinzipien in der Inneren Achtsamkeit und Gewaltlosigkeit in der Hakomi-Therapie (vgl. Johanson & Kurtz 1993) als auch neuere Verfahren wie die Japanische Morita-Therapie (Reynolds 1987) oder Tara Ropka (vgl. Niehaus & Küstner 1997). An Popularität hat Achtsamkeit in Psychologie und Medizin am meisten gewonnen durch das von Kabat-Zinn im Jahr 1979, an der University of Massachusetts entwickelte „Mindfulness-based stress reduction program“, welches im nächsten Absatz genauer beschrieben wird.

 

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