

Stressbewältigung durch Achtsamkeit, Kapitel 1
1. Einleitung
In unserer hektischen Zeit kommt es immer wieder vor, dass Stress unsere Wahrnehmung des jeweiligen Moments verändert. Immer wieder berichten Menschen über eine ähnliche Situation wie die Folgende: Man fühlt sich gestresst, weil man in einer unangenehmen Situation steckt wie z. B. kurz vor einem Zahnarzttermin oder am Ende eines harten Bürotages vor Abgabetermin eines wichtigen Projektes. Gerade in so einer Situation kommt ein Mensch mit seinem Anliegen auf uns zu. Aufgrund der eigenen Stresssituation schenken wir dem Anliegen oft kaum Beachtung, da wir nicht erkennen, wie wichtig es ist oder schlimmer noch, wir handeln vorschnell und sagen oder denken Sätze, wie z. B.: „Das hat mir gerade noch gefehlt!“. Damit verletzen wir unser Gegenüber oft und merken es noch nicht einmal. Phrasen wie: „Sonst sind wir nicht so, aber der Stress … “, werden dann oft als Ausrede benutzt. Auch Streitereien entstehen oft auf diese Weise. „Und dabei war es doch so gar nicht gemeint,“ denkt man später und bereut das unachtsame Verhalten. Unachtsamkeit ist die Ursache für viele derartige Konflikte. Vorschnelles Handeln ohne zu überlegen wirkt oft verletzend. Mentale Inhalte wie Gedanken, Gefühle und Empfindungen werden von uns meistens direkt, nachdem Sie wahrgenommen werden kategorisiert, wie in oben beschriebenem Beispiel: „Das hat mir gerade noch gefehlt!“. Dies geschieht oft automatisch und so schnell, dass wir uns dessen gar nicht bewusst sind. Das Problem daran ist, dass die Kategorien einander meistens ausschließen, wie z. B.: „gut oder schlecht“, „mit meinen Zielen vereinbar oder nicht vereinbar“ und ob etwas „richtig oder falsch“ ist. Die Folge davon ist ein „Schwarz–Weiß“ Denken, welches viele innere und äußere Konflikte entstehen lassen kann. Auch Vorurteile können auf diese Art und Weise oft über Jahre aufrecht erhalten werden. Das Konzept der Achtsamkeit sorgt unter anderem dafür, dass uns diese Kategorisierungstendenz bewusst wird und wir widerstehen unbewusst und automatisch zu kategorisieren und zu handeln. Achtsamkeit ist „das aufmerksame und unvoreingenommene Beobachten aller Phänomene, um sie wahrzunehmen und zu erfahren, wie sie in Wirklichkeit sind, ohne sie emotional oder intellektuell zu verzerren“ (Solé-Leris, 1994). Durch achtsames Beobachten entsteht ein Raum, eine Pause zwischen unserer Wahrnehmung und der darauffolgenden Reaktion. Diese Pause hilft uns bewusst Entscheidungen treffen zu können. Dadurch handeln wir nicht rein unbewusst und wir machen uns nicht zum Sklaven unserer, in der Vergangenheit unbewusst konditionierten, Erfahrungen. Doch das Konzept Achtsamkeit scheint mehr zu beinhalten. Es wird über Wirksamkeitsstudien berichtet, die darauf hindeuten, dass Achtsamkeitsmeditation zu erhöhtem Wohlbefinden, Stressreduktion, verringerten Symptomen und besserer Gesundheit führen kann. (Schmidt, 2007). Insbesondere die Erhöhung des Wohlbefindens und die Reduktion von Stress werden im Rahmen dieser Arbeit anhand der aktuellen wissenschaftlichen Literatur zum Thema Achtsamkeit betrachtet. Die Basis für die Betrachtung von Achtsamkeit zur Stressreduktion bildet in dieser Arbeit das „Mindfulness-based stress reduction program (MBSR)“ von Prof. Jon Kabat-Zinn (1990). Die beiden Fragen, denen nachgegangen wird, sind: Kann das „Mindfulness-based stress reduction program“ erfolgreich zur Stressbewältigung eingesetzt werden und kann durch Achtsamkeitsmeditation eine Erhöhung des Wohlbefindens erreicht werden?
1.1 Aufbau und Zielsetzung dieser Arbeit
Der Aufbau der Arbeit zum Thema Achtsamkeit erstreckt sich folgendermaßen: Nach einer kurzen Definition, was mit Achtsamkeit in dieser Arbeit gemeint ist, wird kurz auf den Ursprung der Achtsamkeit im Buddhismus eingegangen. Danach folgt eine Darstellung des Konzeptes Achtsamkeit in der heutigen Psychologie. Wo findet Achtsamkeit Anwendung in Psychologie und Psychotherapie und wie wird sie eingesetzt? Im dritten Teil wird dann insbesondere das „Mindfulness-based stress reduction program“ von Kabat-Zinn (1990) betrachtet. Hier wird die Methode beschrieben, wie das Konzept der Achtsamkeit angewendet wird. Der Nutzen von Achtsamkeit für die Probanden wird dargestellt und Validierungsstudien zum „Mindfulness-based stress reduction program“ werden diskutiert. Weiterhin wird den Fragen nachgegangen ob Achtsamkeit zu einer Erhöhung des Wohlbefindens beiträgt und ob die Anwendung von Achtsamkeit einen Effekt auf die Gesundheit der Probanden hat. Die mit der Achtsamkeit verfolgten psychologischen und psychotherapeutischen Ziele können als (psychische) Gesundheit, Lebensqualität und Lebenszufriedenheit beschrieben werden (Buchheld & Walach, 2001). Die Zielsetzung im Rahmen dieser Arbeit ist die Folgende: Es soll anhand der aktuellen wissenschaftlichen Literatur untersucht werden, ob das Konzept der Achtsamkeit insbesondere zur Stressbewältigung durch MBSR Wirksamkeit erzielt. Weiterhin soll anhand der Literatur dargestellt werden, ob die Praxis der Achtsamkeit zu einer Steigerung des Wohlbefindens führen kann.
1.2 Begriffsdefinitionen und Abkürzungen
Achtsamkeit:
Schmidt (2007) postuliert: „Achtsamkeit kann als Begriff für ein: theoretisches Konzept, eine gewisse Übungspraxis (Meditation), einen psychologischen Prozess (achtsam sein) und eine Charaktereigenschaft verwendet werden.“
„Achtsamkeit als Übung ist die Praxis einer bewussten (intentionalen), aufmerksamen, wachen und liebevoll akzeptierenden Grundhaltung gegenüber allen Bewusstseinsinhalten in jedem Moment“ (Schmidt, 2007).
Solé-Leris (1994) beschreibt Achtsamkeit als: „das aufmerksame und unvoreingenommene Beobachten aller Phänomene, um sie wahrzunehmen und zu erfahren, wie sie in Wirklichkeit sind, ohne sie emotional oder intellektuell zu verzerren“.
Mindfulness:
Bekannter als das Wort Achtsamkeit ist das Synonym und gleichzeitig der englische Ausdruck „Mindfulness“. Dieser hat besonders durch das Stressbewältigungsprogramm von Prof. Jon Kabat-Zinn (1990) an Popularität gewonnen. In englischer Sprache wird Mindfulness (engl. für Achtsamkeit) folgendermaßen definiert: „Mindfulness is the clear and single-minded awareness of what actually happens to us and in us at the successive moments of perception” (Nyanaponika Thera, 1972).
Abkürzungen:
MBSR = Mindfulness-based Stress Reduction Program (Kabat-Zinn, 1990)
MBCT = Mindfulness-based Cognitive Therapy (Teasdale, 1999)
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